4. Berlin-Kreuzberg, Professor Albert Fraenkel, 14.03.1998
 

Bild 11 Ein gebürtiger Frankfurter war der bedeutende Arzt Albert Fräenkel (1848-1916).
 

Zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 1988 besuchte die Arbeitsgruppe Traditionspflege beim Bezirksarzt Frankfurt (Oder) nach einer Gedenkveranstaltung beim Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Ostberlin, Herrn MR Dr. Kirchner, in der Oranienburger Straße die Grabstellen von 2 jüdischen Söhnen der Stadt Frankfurt (Oder) und später verdienstvollen Medizinern auf dem Zentralen Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee: Professor Albert Fraenkel und Professor Albert Albu.

Eine Exkursion des Historischen Vereins zur Wirkstätte von Professor Albert Fraenkel im Krankenhaus am Urban wurde angestrebt.

In Professor J. Hengstmann, III. Innere Abteilung, wurde ein kooperativer Partner gefunden. Auch die Bereitschaft zur Mitgestaltung einer Gedenkstunde von Herrn Professor Ch. Andree, Kiel, Lehrstuhl für Medizingeschichte, wertete das Vorhaben auf.

In der Beilage der „Märkischen Oderzeitung“, „Brandenburgische Blätter“
[4] erschien auszugsweise folgender Bericht:


„... Der Historische Verein zu Frankfurt (Oder) und die Kulturwissenschaftliche Fakultät der Europa-Universität Viadrina gedachten am 14. März eines Frankfurters, dessen Lebenswerk wesentlich zum Fortschritt in der Medizin beigetragen hat. Die Gedenkstunde im Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg galt Albert Fraenkel – vor 150 Jahren wurde er in der Oderstadt geboren. Zu seinen wissenschaftlichen Leistungen zählt die Entdeckung des Erregers der croupösen Lungenentzündung.“
 

Bild 12 Titelblatt einer von
A. Fraenkel überarbeiteten Auflage der „Pathologie und Physiologie“ seines Großonkels, Professor Ludwig Traube (erster jüdischer Lehrstuhlinhaber in Berlin).

Dieser Erreger wurde später nach ihm benannt.
Zum 100. Geburtstag Fraenkels schrieb der frühere Chefarzt der Röntgen-Abteilung des Krankenhauses am Urban Dr. Hessmann: „Einen besonderen Reiz hatte es, wenn Albert Fraenkel bei seinen Vorlesungen am Krankenbett zur Pneumonie (Lungenentzündung) kam und nach anregender Schilderung des Krankheitsbildes mit dem Schwarm der Famuli und Studenten zu den Mikroskopen schritt, um den Pneumonie-Erreger zu demonstrieren. Die Freude über seine Entdeckung des Pneumococcus brach dann immer wieder bei ihm durch und übertrug sich auf die jeweiligen Zuhörer, so dass diese das unmittelbare Gefühl hatten, dem Augenblick der Entdeckung beizuwohnen, obwohl dieser schon 15 Jahre zurücklag. ...

... Albert Fraenkel wurde während der bewegten Märztage des deutschen Bürgertums am 10.03.1848 in Frankfurt (Oder) geboren. Sein Geburtshaus stand in der Richtstraße 9, es wurde während des 2. Weltkrieges zerstört. Hier betrieb sein Vater David eine Eisenwarenhandlung. Im Geburtenbuch der jüdischen Bevölkerung von Frankfurt (Oder) findet sich unter der Position 15 des Jahres 1848 die entsprechende Eintragung.


Albert Fraenkel besuchte in Berlin das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, begann im 18. Lebensjahr sein Medizinstudium, promovierte 22-jährig über den Morbus Addison (eine Nebennierenerkrankung) und wurde mit 24 Jahren zum Arzt approbiert. Nach weiterführenden Studien bei Kussmaul in Straßburg bekam er eine Assistentenstelle bei seinem Großonkel Professor Ludwig Traube an der Charité. ...
 

... Von 1878 bis 1887 war Albert Fraenkel bei dem Nachfolger Ludwig Traubes Ernst von Leyden Assistent. Seine Habilitationsschrift verteidigte er als 29-Jähriger erfolgreich, mit 36 wurde ihm bereits der Professorentitel verliehen. Neben der Entdeckung des Diplococcus lanceatus, des Erregers der croupösen Lungenentzündung, sind Albert Fraenkel weitere wissenschaftliche Arbeiten zu verdanken. So beschäftigte er sich mit der Caissonkrankheit, klinischen Erscheinungen der Arteriosclerose, Formen der Lungentuberkulose, mit Bluterkrankungen, Asthma bronchiale und Mischformen der Tuberkulose.
 

Bild 13 Illustration zur ersten Patientin des Krankenhauses am Urban „Ein lungenleidendes Dienstmädchen“.

Trotz der Fülle wissenschaftlicher Werke blieb ihm der Wunsch nach einem Lehrstuhl versagt, was in seiner jüdischen Herkunft begründet sein mag. ...
... Im Jahre 1890 übernahm Albert Fraenkel neben Werner Körte die Stelle des Krankenhausdirektors und dirigierenden Arztes der Inneren Abteilung des neugeschaffenen Urban-Krankenhauses in Berlin-Kreuzberg. Auf sein Betreiben erhielt das Krankenhaus im Jahre 1906 Institute für Bakteriologie und für Chemie und im Jahre 1907 ein Röntgen-Institut.

Im gleichen Jahr wurde unter seiner Leitung eine „medico-mechanische Abteilung“ mit Hochfrequenz- und Diathermie-Apparaten sowie Liegehallen zur Freiluftbehandlung gebaut.
Professor Albert Fraenkel verstarb am 06. März 1916 an einem Herzinfarkt, kurz vor der Vollendung des 68. Lebensjahres, zwei Monate nach seiner Ehefrau.

Das ursprünglich geplante Aufsuchen seines Grabes auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee musste wegen des Sabbats aufgegeben werden.
 

[4] Eichler, Klaus, Zeitungsbeitrag „Immer auf der Suche“, MOZ-Beilage „Brandenburgische Blätter“, 17.04.1998